Dax-Vorstände: Weiterhin Mängel bei der Verständlichkeit

Auch in diesem Jahr haben Kommunikationswissenschaftler der Universität Hohenheim Deutschlands führende Manager einem Verständlichkeits-Check unterzogen (zu unserem Beitrag aus dem vergangenen Jahr). „Prüfungsmaterial” lieferten ihnen die Vorstandsreden auf den Jahreshauptversammlungen der Dax-30-Unternehmen. Sprach die Pressemitteilung im vergangenen Jahr noch von „Kauderwelsch in Führungsetagen”, so heißt es in diesem Jahr einschränkend: „Im Vergleich zu 2012 sind die Reden verständlicher geworden. Einige von ihnen weisen jedoch nach wie vor erhebliche Mängel auf.” Die wesentlichen Verständlichkeits-Hürden seien Bandwurmsätze, abstrakte Begriffe, zusammengesetzte Wörter und nicht erklärte Fachbegriffe. Beispiele: Begriffe wie „Immobilienfinanzierungs-Portfolio“, „Automotive-Systems-Aktivitäten“ oder „Nicht-Leben-Rückversicherungsgeschäft“ seien zwar für ein Fachpublikum verständlich, nicht aber für die breite Öffentlichkeit. Das Gleiche gelte für „Brennstoffzellen-Antriebstrang“ und „Vermögensverwaltungs-Einheiten“. Und auch das Wortungetüm „Business-to-Business-to-Consumer-Wirtschaft“ erschwere das Verstehen erheblich.

Durchschnittswert aller Reden verbessert

Mit Hilfe einer speziellen Software ermittelten die Wissenschaftler den Abstraktheitsgrad der Reden, den Fremdwort-Anteil und die Satzkomplexität. Zusammen mit weiteren Merkmalen wie dem „Fass Dich Kurz“-Index ergeben sie einen Verständlichkeitswert auf einer Skala von 0 (formal so verständlich wie eine Doktorarbeit) bis 10 (formal so verständlich wie Radio-Nachrichten). Der Durchschnittswert aller Reden hat sich im Vergleich zu 2012 von 3,8 auf 4,6 verbessert.

Index-Wert für formale Verständlichkeit auf Skala von 0 (so verständlich wie eine Doktorarbeit) bis 10 (so verständlich wie Radio-Nachrichten). Durchschnittswert: 4,6.

Index-Wert für formale Verständlichkeit auf Skala von 0 (so verständlich
wie eine Doktorarbeit) bis 10 (so verständlich wie Radio-Nachrichten).
Durchschnittswert: 4,6.

Warum die Mehrheit von Deutschlands Wirtschaftselite nicht einmal die Hälfte der erreichbaren Verständlichkeitspunkte erzielt, begründet Frank Brettschneider, Ordinarius für Kommunikationswissenschaft an der Universität Hohenheim, so: „Viele Vorstandsvorsitzende denken vor allem an Analysten und Wirtschaftsjournalisten, wenn sie auf der Hauptversammlung sprechen. Sie vergessen, dass sie auch in die breite Öffentlichkeit wirken können. Daher legen sie viel zu wenig Wert auf kurze Sätze und gebräuchliche Wörter.“

Wi(e)der zu lange Sätze

Apropos Satzlänge: Die Kommunikationswissenschaftler dokumentieren in ihrer Zusammenstellung auch einige Beispiele aus Redemanuskripten mit besonders langen Sätzen. Nachfolgend drei davon und jeweils ein Vorschlag, wie man es besser machen könnte:

Vorher Nachher
„Seit Einberufung der Hauptversammlung im Bundesanzeiger waren der festgestellte Jahresabschluss und der gebilligte Konzernabschluss, der zusammengefasste Lagebericht für die Deutsche Börse AG und den Konzern zum 31. Dezember 2012 sowie unser Vorstandsbericht nach Paragraph 289 Absatz 4 und 5 sowie Paragraph 315 Absatz 2 Nr. 5 und Absatz 4 des Handelsgesetzbuches zugänglich.“ (52 Wörter) (Deutsche Börse, Francioni) Seit Einberufung der Hauptversammlung im Bundesanzeiger waren die gesetzlich erforderlichen Unterlagen zugänglich. Dazu gehören: der Jahresabschluss, der Konzernabschluss, der Lagebericht für die Deutsche Börse AG und den Konzern zum 31. Dezember 2012 sowie unser Vorstandsbericht.
„Dies ist ein solides Ergebnis, wenn man bedenkt, dass wir im Vorjahr im ersten Quartal eine große Menge an Produkten im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen und der Fußball-Europameisterschaft in den Handel hineinverkauft hatten und – wie Sie alle wissen – die Wirtschaftslage in Europa auch zum Jahresbeginn herausfordernd blieb.“ (48 Wörter) (Adidas, Hainer) Aus zwei Gründen ist dies ein solides Ergebnis: Zum einen haben wir im ersten Quartal des Vorjahres zahlreiche Produkte zu den Olympischen Spielen und der Fußball-Europameisterschaft in den Handel gebracht. Zum anderen blieb die Wirtschaftslage in Europa auch zum Jahresbeginn herausfordernd.
„Und es ist nicht nur der Ort, an dem unsere eigenen Städteplaner und Technikexperten an Infrastrukturlösungen von morgen arbeiten, sondern es ist eine Plattform für den Austausch zwischen unseren Experten und kommunalen Entscheidern der Städte und dient damit der Anbahnung von Kontakten, Lösungen und künftigem Geschäft.“ (46 Wörter) (Siemens, Löscher) Und es ist nicht nur der Ort, an dem unsere eigenen Städteplaner und Technikexperten an Infrastrukturlösungen von morgen arbeiten. Es ist auch eine Plattform für den Austausch zwischen unseren Experten und kommunalen Entscheidern der Städte. Sie dient damit der Anbahnung von Kontakten, Lösungen und künftigem Geschäft.

Zum Schluss: Bei der dpa gelten folgende Regeln für die Satzlänge: Als optimal verständlich gelten neun Wörter, 20 Wörter sind die Obergrenze des Erwünschten und 30 die Obergrenze des Erlaubten.

Trackbacks

  1. […] 2012 bei 9,8 gelegen (zu den Beiträgen über das Verständlichkeits-Ranking 2013 und 2012 geht es hier und […]

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